Vorsicht, falsche Freunde!

Vor einiger Zeit im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehört: „Jean F. ist tot. Der berühmte Chansonnier starb am vergangenen Montag in Paris an einem Herzleiden“. So weit, so traurig.
Bei aller Betroffenheit ob des Inhalts dieser Meldung muss ich mich dazu äußern. Ich kann nicht länger schweigen. Mir geht es hier allerdings nicht um die Nachricht an sich, sondern um das Wort „Chansonnier“. Liebe Redakteure, leider muss ich Euch sagen, dass Ihr hier (und so oft in meinen Ohren) die Opfer eines falschen Freunds geworden seid. So nennen wir Franzosen den Schuldigen, ein „faux-ami“. Faux-amis, das sind Worte, die in beiden Sprachen existieren, aber nicht dieselbe Bedeutung haben.

Das Wort „Chansonnier“ gibt es in Französisch also sehr wohl, und es liegt fast auf der Hand, dass derjenige, der Chansons schreibt und singt, auch Chansonnier heißen müsste. Leider falsch. Ein Chansonnier ist in Molières Sprache so etwas wie ein politischer Kabarettist. Also einer, der (wenn alles gut geht) auf lustige und listige Weise das politische Geschehen in seinem Land kommentiert. Mittels Texten, Parodien und eben auch Liedern mit altbekannten Melodien und verändertem Inhalt wird die Aktualität aus schrägem Winkel betrachtet. Dieter Hildebrandt und seine Kollegen sind für uns Franzosen Chansonniers.

Chansonnier klingt also gut, ist aber falsch. Leider habe ich als Alternative nichts anzubieten, schon gar nichts französisch Klingendes. Im Französischen wird häufig der Begriff des „auteur-compositeur-interprète“ benutzt oder des „chanteur à texte“, so wird von… oh nein, einem anderen falschen Freund abgegrenzt: dem Begriff „Variété“. Im Französischen steht Varieté nämlich für so etwas wie „leichte gesungene Unterhaltung“, also einfache Lieder mit einprägsamer Melodie und ausgeprägtem Charts-Potential. Vom ursprünglichen Sinne des Wortes, der auch dem der deutschen Bedeutung entspricht, hat sich die Sprache entfernt. Und jetzt wird es kompliziert, denn das, was die Deutschen mit „Variété“ meinen, nennen wie Franzosen „Cabaret“, was wiederum mit Kabarett im deutschen Sinne wenig gemein hat. Was für ein sprachliches Durcheinander.

Wenn die Geschäftswelt sicher nicht frei von falschen Freuden, gilt es auch im sprachlichen Sinne. Ich liefere gleich einen weiteren und auch sehr tückischen falschen Freund: der beliebte Jour Fixe. Liebe Leser, auch wenn ich Sie enttäuschen muss oder bei einigen sogar ein unangenehmes Aha-Erlebnis hervorrufe: dieses Wort ist in Frankreich unbekannt, wenn es auch seinen Ursprung natürlich in der französischen Sprache hat.

Im 18. Jahrhundert war Französisch in ganz Europa die Sprache am Hof und in der Haute-Volée. Und an festen („fixe“) Tagen, zum Beispiel am ersten Mittwoch im Monat, hielt Madame ihren Jour Fixe in ihrem Salon. Man konnte, manchmal auch ohne Anmeldung, an diesen Tagen einfach kommen und sich vorzugsweise über Literatur oder auch Kunst unterhalten.

Jour Fixe ist also ein faux-ami. Es ist überliefert, dass neubestellte Manager aus Deutschland bereits am Tag der Übernahme ihres französischen Teams für Unverständnis gesorgt haben, obwohl sie eben besonders sprachkundig erscheinen wollten. So ist es leider, wenn man sich mit den falschen Freunden umgibt.

Dieser Beitrag ist eine leicht modifizierte Version einer meiner "Verstehen Sie Frankreich" Kolumne, die 2011 erschienen war.