Vorfahrt für Peugeot und Opel

Seit PSA Peugeot-Citroën (bitte unbedingt „Sitroän“ aussprechen) angekündigt hat, mit General Motors über den Erwerb von Opel/Vauxhall Gespräche zu führen, sieht es so aus, als ob jemand dem deutschen automobilen Ameisenbau einen Tritt verpasst hätte. Die Bundeskanzlerin ist besorgt und die Wirtschaftsministerin ist ob der bisherigen Geheimhaltung der Gespräche empört. Kurz, Bundes- und Lokalpolitiker diesseits des Rheins sind gleich auf 180, ganz gleich ob Pulsschläge pro Minute oder – hier treffender – Kilometer pro Stunde.

Dass auf eine solche Nachricht Reaktionen kommen, ist verständlich. Wo aber bleibt das Selbstbewusstsein, das den deutschen Managern und Politikern eine immer noch starke Traditionsmarke wie Opel verleihen müsste? Wo ist das Vertrauen in die Kraft der eigenen Wirtschaft, um einen etwaigen Arbeitsplatzabbau auszugleichen oder zumindest abzufedern? Warum gleich so negativ bzw. so defensiv? Opel hat doch viel zu bieten: eine starke Marke in ihrem Segment, innovative Technik, speziell in der Elektromobilität, und ein dynamischer werdendes Image, dem hyperaktiven und passender Weise immer unter Strom stehenden Jürgen Klopp sei Dank.

Besonders rätselhaft erscheint mir die Aussage eines führenden Politikers: „Zumindest müssen die Entwicklungsstandorte in Deutschland bleiben“. Wie ist das bitte zu verstehen? Die Produktion zu schließen und die Entwicklung nach Frankreich zu versetzen, würde heißen, dass Peugeot für Milliarden ein Unternehmen kauft, um es zu schließen? Nur etwa um sich Patente zu sichern oder die Kasse zu leeren ? Das würde keinen Sinn ergeben. Klar ist, dass im Wahljahr das Thema Arbeitsplatzsicherung bei Politikern eine besondere Aufmerksamkeit genießt, aber hier sind Selbst- und Verantwortungsbewusstsein gefragt, den Wählern gegenüber. Panikmache bringt nichts.

PSA Peugeot-Citroën ist in den letzten Jahren unter dem CEO Carlos Tavares das gelungen, was GM und Opel in Jahrzehnten nicht geschafft haben: den wirtschaftlichen Turnaround, aus einer ähnlichen Lage heraus, in der sich Opel im Moment befindet. Selbstverständlich ging es nicht ohne eine Kostensenkungsoffensive, die auch über einen Arbeitsplatzabbau ging. Es ist zu vermuten, dass Peugeot in Frankreich weitere Schritte in diese Richtung wird machen müssen.

Ebenfalls ist davon auszugehen, dass solche Maßnahmen bei Opel noch bevorstehen, egal wer der Hauptaktionär ist. Zu groß ist der Druck der Märkte auf die Autohersteller, die keine hochpreisigen und damit margenträchtigen Fahrzeuge im Portfolio aufweisen können. Das wissen die Opel-Führungskräfte und die Gewerkschaften in Deutschland. Das erklärt auch ihren im Vergleich zur Politik ruhigeren Umgang mit dem Thema einer Übernahme. 240 Millionen Verlust in 2016 bedeuten, dass Opel sich sehr bald einer Rosskur unterziehen muss. So oder so.

Würde es unter diesen Umständen nicht Sinn machen, endlich eine europäische Automobilallianz zu schmieden, aus zwei Traditionsmarken, die jeweils in ihrem Heimatland ein gutes Image genießen? Und damit buchstäblich den deutsch-französischen Motor wieder zum laufen zu bringen? Wäre es für Opel nicht besser, mit einer europäischen Muttergesellschaft in den Kampf zu ziehen, statt mit einer amerikanischen, die in den kommenden vier Jahren wohl in einem sehr unsicheren politischen und wirtschaftlichen Umfeld wird agieren müssen?

Ich finde, die Zeit ist reif für eine solche Allianz. Es braucht jedoch von den Beteiligten Offenheit, Vertrauen, Selbstbewusstsein und… Mut.