Von Kernenergie und Schulausflügen

Der Atomausstieg schreitet in Deutschland voran und letzte Woche war in der Presse zu lesen, dass Fessenheim, der älteste Meiler Frankreichs, auf verhältnismäßig absehbare Zeit tatsächlich abgeschaltet wird.

Ob Atomenergie nun gut ist oder nicht, sei dahin gestellt. Heute jedoch möchte ich für meine Landsleute, zumindest für die über 40-jährigen, eine Lanze brechen. Dazu eine wahre Geschichte:
Irgendwann in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, das muss 1974 oder 1975 gewesen sein, standen der damals ca. zehnjährige Verfasser dieses Beitrags und die Schüler seiner Klasse in einem großen weißen Raum und blickten durch ein riesiges Fenster auf eine Art Schwimmbecken mit blau schimmerndem Wasser. Männer in weißen Overalls, glänzende Rohre, alles blitzeblank, für Kinderaugen sehr beeindruckend.

Auf bunten Schautafeln wurde die Funktionsweise eines Kernkraftwerks dargestellt und ein allwissend wirkender Ingenieur in weißem Kittel beantwortete unsere Fragen. Ich kann mich noch erinnern, dass das Ganze mir am Ende als eine Art Wunder erschien. Alles sauber, alles leise, und wie aus dem Nichts entsteht eine ungeheure Menge an Energie. Wir befanden uns in Saint-Laurent-des-Eaux, in der Gegend von Orléans, an der Loire. Alle Schüler aus der Gegend haben zu meiner Zeit die „centrale nucléaire“ im Rahmen von Schulaus-flügen besichtigt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass überall, wo ein Kernkraftwerk stand, solche Ausflüge organisiert wurden.

Ich möchte hier keine Propagandamaßnahme unterstellen. Ich bin überzeugt, nennen Sie mich blauäugig, dass es dabei darum ging, Schülern aus der Gegend zu erklären, was innerhalb dieses von weitem sichtbaren Gebäudeungeheuers eigentlich passiert. Und es liegt auch in der französischen Natur (hier im kulturellen Sinne), wichtige Errungenschaften nicht zu verheimlichen, insbesondere wenn die-se ein Symbol französischer Ingenieurskunst sind und die Unabhängigkeit des Landes in Sachen Energie bedeuten. Ich bin mir sicher, dass eine solche Informationspolitik, gepaart mit dem glücklichen Umstand, dass Frankreich weder sein Tschernobyl, noch sein Three Mile Island, noch sein Fukushima hatte, zu einer großen Akzeptanz für die Atomenergie geführt hat.

Von keiner französischen Regierung wurde die Atompolitik jemals in Frage gestellt, auch weil eine ökologische Partei eine verhältnismäßig (insbesondere gegenüber Deutschland) neue Erscheinung ist und bis jetzt nie ernsthaft an der Macht beteiligt war. Wo die Deutschen in den Achtzigern auf Ackern „Atom, nein danke“ skandierten, sagten die Franzosen eher „oui, s’il vous plaît“. Und so kommt es, dass nahezu 75% der Stromerzeugung in Frankreich aus der Kerntechnik kommen. Und dass französische Konzerne diese Technik exportieren und damit wirtschaftlich sehr erfolgreich sind.

Es ist also kein Wunder, dass die dramatische Ereignisse wie in Japan oder kleinere Pannen von vielen meiner Landsleute etwas differenzierter als in Deutschland betrachtet werden, ob in der Bevölkerung oder in Regierungs- bzw. Wirtschaftskreisen. Eine Abkehr von der Atomenergie würde für Frankreich eine kulturelle, politische und wirtschaftliche 180-Grad Wendung bedeuten und wäre ungleich schwieriger umzusetzen als in den meisten anderen Ländern, inklusive Deutschland.

Unmöglich ist diese Abkehr nicht und wird wohl eines Tages kommen müssen. Aber es wird Geduld und Verständnis erfordern, auch hierzulande.

Dieser Beitrag ist eine leicht modifizierte Version einer meiner "Verstehen Sie Frankreich" Kolumne, die 2011 erschienen war.