Erst streiken, dann sehen

Haben Sie den Eindruck, dass in Frankreich viel öfter gestreikt wird, als hierzulande? Sie haben Recht, so ist das. Die Frage ist nur: warum? Ist Streiken in Frankreich so was wie ein nationaler Volkssport wie Boule?
In Deutschland gehört der Streik zum Arsenal der Gewerkschaften. Steht z.B. eine neue Tarifrunde an, wird verhandelt und dies nach einer bestimmten Choreographie.
Auf Maximalforderung trifft zunächst maximale Ablehnung, bei möglichst großer medialer Reichweite. Erste Runde um. In die nächsten Runden nähern sich Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen sachlich an, schon eher hinter verschlossenen Türen. Zeichnet sich keine Einigung ab, wird der Streik aus dem Waffenschrank geholt. Aber das mit Bedacht und genau definierten Eskalationsstufen: Streikandrohung, Streikwarnung, Warnstreik, Streik.

In Frankreich läuft es (auch hier) anders.

Stufe eins wird formal zwar auch gezündet, auch da trifft Maximalforderung auf Maximalablehnung. Und auch in Frankreich liegt die Erfolgsaussicht bei null.
Dann aber wird nach dem Motto verfahren: „erst streiken, dann sehen“. Der Grund hierfür ist die relative (und fort-schreitende) Schwäche der französischen Gewerkschaften. Anders als in Deutschland sind sie weitgehend nach politischen Strömungen (und nicht nach Branchen) organisiert. Die CGT (Confédération Générale du Travail) ist zum Bei-spiel nah an der französischen kommunistischen Partei. Auch die Gewerkschaften leiden dadurch unter der Politikverdrossenheit und verlieren Mitglieder und damit auch Einfluss. Der kulturell verankerte Individualismus der Franzosen hilft dabei auch nicht gerade.

Die Folge: jeder vierte deutsche Arbeitnehmer ist Mitglied einer Gewerkschaft, in Frankreich nur jeder zehnte. In keinem anderen EU-Land ist diese Quote so niedrig. Um Gehör bei den starken Arbeitgeberorganisationen zu finden, müssen sich die Gewerkschaften also ihre Repräsentativität immer wieder aufs Neue buchstäblich erstreiken. Ist der Streikaufruf erfolgreich und wird das Leben der leidgeprüften Franzosen richtig erschwert, steigen die Chancen, die Forderungen durchzusetzen.

In Frankreich gilt: nach dem Streik ist vor dem Streik. Sollten Sie also eines Tages in Paris auch mal aussichtslos auf eine Métro warten, die nicht kommen wird: nehmen Sie es wie Ihre mitleidenden Bahnsteignachbarn mit Gelassenheit. C’est la vie.

Dieser Beitrag ist eine leicht modifizierte Version einer meiner "Verstehen Sie Frankreich" Kolumne, die 2012 erschienen war.