Doktoren im deutsch-französischen Vergleich

Hin und wieder werde ich von meinen Landsleuten gefragt, warum Frau Merkel denn nicht Ärztin geblieben sei.  Sie heiße doch Dr. Angela Merkel, das könne man auf dem Schild ablesen, das bei Konferenzen vor ihr steht.

Für die Franzosen gibt es grundsätzlich zwei Arten von docteurs. Die Wissenschaftler, für die ein doctorat die Vorbedingung für eine Universitätskarriere ist, und die Ärzte, die eben „docteur“ genannt werden und den Titel auch tragen. Demnach erscheint Deutschland dem unkundigen Franzosen als ein Land mit einer unheimlichen Professoren- bzw. Ärztedichte. Der Punkt „Akademische Titel in Deutschland“ ist ein fester Bestandteil meiner interkulturellen Veranstaltungen vor französischem Publikum. Aus der Sicht meiner Landsleute ist die Sache mit dem Doktortitel nämlich reichlich verwirrend.

Zunächst einmal muss ich also erklären, dass ein Doktor, dem man im Geschäftsleben begegnet, in der Regel kein Arzt ist (bei Geschäftsmeetings in der Pharmaindustrie gilt diese Aus-sage allerdings nur begrenzt). Zu diesem Zeitpunkt verschweige ich lieber, dass man in Deutschland praktizierender Arzt sein kann, ohne einen Doktortitel zu haben, wo-bei der Betroffene meistens trotzdem „Herr Doktor“ genannt wird. Ich will es ja nicht komplizierter machen, als es in französischen Ohren ohnehin schon ist. Auch unterlasse ich es, den Ehrendoktortitel zu erwähnen, der für ungeübte französische Augen zu kryptischen Buchstabenkombinationen wie „Dr. Dr. h.c. Max Mustermann“ auf einer Visitenkarte führen kann. Dann kommt aus dem Teilnehmerkreis der Veranstaltung in der Regel die Frage der Ansprache. „Muss ich jeden Doktor mit „Doktor“ ansprechen?“ (lustige Teilnehmer fragen bisweilen mit dem Zusatz „auch wenn ich gesund bin?“). Auf diese Frage antworte ich mit einem entschiedenen „Jein“, begleitet von einem klaren „kommt darauf an“.

Die Fragen, die sich meine Landsleute dabei stellen müssten, sind vielfältig. Schreibe ich oder spreche ich mit der Person? In welchem Verhältnis befinde ich mich zu besagtem Doktor bezüglich Hierarchie, Macht, Alter, Bekanntheitsgrad? Ich empfehle jedenfalls, auf der sicheren Seite zu fahren und bei einem ersten Treffen den Doktor „Doktor“ zu nennen und ggf. auf die Reaktion desselben zu achten. Dass dieses Thema für meine Landsleute bestenfalls Verwirrungspotential birgt und schlimmstenfalls beachtliche Fettnäpfchen zur Folge haben kann, ist der Tatsache geschuldet, dass man in Frankreich anders mit dem akademisch Erreichten umgeht.

Genauso wie die Franzosen im Geschäft einen indirekten Kommunikationsstil pflegen („im Prinzip ja“ ist in der Regel ein schön verpacktes „nein“), die Angabe des Abschlusses bleibt meistens im Verborgenen, bzw. wird subtil ins Gespräch und nur bei Bedarf eingeflochten. Dies heißt aber bei weitem nicht, dass dem Thema keine Bedeutung beigemessen wird. Denn das französische Bildungssystem ist elitär aufgebaut und wenn man es geschafft hat, eine der berühmten Eliteschulen zu absolvieren, wirkt sich das auch aus, wie eine Doktortitel in Deutschland sich auswirken kann (aber nicht zwangsläufig muss): Türen öffnen sich vielleicht einen Spalt breiter, die nächste Leitersprosse ist schneller erreichbar. In beiden Ländern allerdings ist der Titel keine Garantie für den beruflichen Erfolg.

Denn Doktortitel ja oder nein, Eliteschule hin oder her: am Ende zählt die Kompetenz.

Dieser Beitrag ist eine leicht modifizierte Version einer meiner "Verstehen Sie Frankreich" Kolumne, die 2011 erschienen war.